Looks aren't everything. Believe me, I'm a model. | Cameron Russell | TED
TED
0:00 Übersetzung: Katja Tongucer Lektorat: Judith Matz
0:15 Hi. Mein Name ist Cameron Russell
0:18 und seit einiger Zeit
0:22 arbeite ich als Model.
0:24 Seit 10 Jahren, genau gesagt.
0:28 Ich habe das Gefühl, dass sich jetzt hier im Raum
0:31 eine ungemütliche Spannung aufbaut,
0:33 denn ich hätte dieses Kleid nicht anziehen sollen. (Lachen)
0:36 Glücklicherweise habe ich noch etwas zum Wechseln dabei.
0:39 Dies ist das erste Mal, dass sich jemand auf der TED-Bühne umzieht,
0:43 Sie können sich also glücklich schätzen, das zu sehen, denke ich.
0:46 Falls ein paar Frauen wirklich erschrocken waren, als ich herauskam,
0:49 brauchen Sie mir das jetzt nicht zu sagen, das lese ich später auf Twitter nach.
0:51 (Lachen)
0:57 Ich stelle auch fest, dass ich ziemlich privilegiert bin,
0:59 denn ich kann in sehr kurzen 10 Sekunden verändern,
1:02 was Sie von mir denken.
1:05 Dazu hat nicht jeder die Chance.
1:08 Diese Absätze sind sehr unbequem,
1:10 es ist gut, dass ich sie sowieso nicht tragen wollte.
1:14 Der schwierigste Teil ist, den Pullover über meinen Kopf zu ziehen,
1:16 denn dann werden Sie mich alle auslachen,
1:17 tun Sie also nichts, solange er über meinem Kopf ist.
1:22 In Ordnung.
1:25 Warum habe ich das jetzt getan?
1:28 Das war peinlich.
1:31 Nun,
1:35 es war hoffentlich nicht so peinlich wie dieses Bild.
1:40 Ein Image ist mächtig,
1:43 aber ein Image ist auch oberflächlich.
1:48 Ich habe gerade Ihre Meinung von mir in 6 Sekunden völlig verändert.
1:52 Und auf diesem Bild –
1:54 ich hatte in Wirklichkeit niemals einen Freund.
1:57 Ich fühlte mich sehr unwohl und der Fotograf
1:59 sagte mir, ich solle meinen Rücken wölben und mit meiner Hand
2:02 in die Haare dieses Typen fassen.
2:06 Und abgesehen von Operationen
2:08 oder der falschen Bräune, die ich mir vor zwei Tagen für die Arbeit zulegte,
2:11 gibt es nur sehr wenige Möglichkeiten unser Äußeres zu verändern,
2:15 und unser Äußeres hat – obwohl es oberflächlich und unwandelbar ist –
2:18 einen großen Einfluss auf unser Leben.
2:23 Furchtlos zu sein heißt für mich, heute ehrlich zu sein.
2:27 Und ich stehe auf dieser Bühne, weil ich ein Model bin.
2:30 Ich stehe auf dieser Bühne, weil ich eine hübsche, weiße Frau bin,
2:34 und in meiner Branche nennen wir das ein sexy Mädchen.
2:37 Ich werde jetzt die Fragen beantworten, die die Leute mir immer stellen,
2:39 aber auf die ehrliche Art.
2:41 Die erste Frage lautet: "Wie wird man ein Model?"
2:44 Ich sage immer: "Oh, ich wurde entdeckt," aber das bedeutet gar nichts.
2:47 Der wahre Grund, wie ich ein Model wurde, ist
2:50 ein Gewinn in der genetischen Lotterie und ein wichtiges Erbe
2:54 und vielleicht fragen Sie sich, woraus dieses Erbe besteht.
2:56 Nun, in den letzten paar Jahrhunderten
2:59 haben wir Schönheit nicht nur als gesund und jung und symmetrisch definiert,
3:04 auf dessen Bewunderung wir biologisch programmiert sind,
3:08 sondern auch als groß, schlank,
3:11 feminin und hellhäutig.
3:15 Dieses Erbe wurde für mich erschaffen.
3:16 Und es ist ein Erbe, das sich für mich auszahlt.
3:19 Ich weiß, es gibt Leute im Publikum,
3:21 die an diesem Punkt skeptisch sind.
3:23 Und vielleicht mögen auch einige Modebegeisterte ausrufen:
3:25 "Halt. Naomi, Tyra. Joan Smalls. Liu Wen."
3:28 Und zunächst kommentiere ich Ihr Model-Wissen. Sehr beeindruckend.
3:31 (Lachen)
3:33 Aber leider muss ich Ihnen mitteilen, dass im Jahr 2007
3:36 ein sehr ambitionierter Doktorand der NYU
3:39 alle Models auf dem Laufsteg gezählt hat, jedes einzelne, das gebucht wurde,
3:43 und dass von 677 gebuchten Models
3:46 nur 27 oder weniger als vier Prozent nicht weiß waren.
3:50 Die nächste Frage, die mir immer gestellt wird, lautet:
3:52 "Kann ich ein Model werden, wenn ich erwachsen bin?"
3:54 Und zunächst antworte ich: "Ich weiß nicht, das liegt nicht in meiner Verantwortung."
3:57 Aber die zweite Antwort, die ich diesen kleinen Mädchen wirklich geben möchte, ist: "Warum?
4:03 Weißt du was? Du kannst alles werden.
4:04 Du kannst Präsidentin der USA werden
4:06 oder die Erfinderin des nächsten Internets
4:07 oder eine Ninja-Herzchirurg-Dichterin,
4:10 was total irre wäre, denn dann wärst du die erste."
4:13 (Lachen)
4:15 Wenn sie nach dieser tollen Aufzählung immer noch sagen:
4:17 "Nein, nein, Cameron, ich will ein Model werden,"
4:18 dann sage ich: "Werde mein Chef."
4:21 Denn ich habe keine Verantwortung für nichts
4:22 und du könntest die Chefredakteurin der amerikanischen Vogue sein
4:24 oder die Geschäftsführerin von H&M oder der nächste Steven Meisel.
4:28 Zu sagen, dass man später ein Model werden will,
4:30 ist so, als würde man sagen, dass man einmal den Jackpot im Lotto gewinnen will.
4:33 Man kann es nicht beeinflussen und es ist fantastisch
4:37 und es ist kein Karriereweg.
4:39 Jetzt möchte ich Ihnen 10 Jahre geballtes Model-Wissen demonstrieren,
4:43 denn anders als Herzchirurgen
4:45 kann es sich nur gerade jetzt entfalten.
4:48 Wenn es dort einen Fotografen gibt
4:51 und das Licht ist genau dort, wie ein netter Strahler,
4:53 und der Kunde sagt: "Cameron, wir möchten ein Foto im Laufen,"
4:54 nun, dann geht das Bein zuerst, schön und lang, dieser Arm geht nach hinten, dieser Arm nach vorne,
4:58 der Kopf ist auf Dreiviertel und man bewegt sich einfach vor und zurück,
5:01 einfach so und dann sieht man zurück zu seinen imaginären Freunden,
5:03 300, 400, 500 Mal. (Lachen)
5:08 Es sieht dann ungefähr so aus. (Lachen)
5:12 Hoffentlich weniger komisch als das in der Mitte.
5:15 Das war ... ich weiß nicht, was da passiert ist.
5:18 Wenn man die Schule beendet
5:20 und einen Lebenslauf hat und ein paar Jobs gemacht hat,
5:21 kann man leider nicht mehr viel sagen.
5:22 Wenn man sagt, dass man Präsidentin der USA sein will,
5:26 aber im Lebenslauf steht: "10 Jahre Unterwäsche-Model,"
5:28 dann wird man komisch angesehen.
5:30 Die nächste Frage, die mir oft gestellt wird, ist: "Werden alle Fotos retuschiert?"
5:33 Und ja, so ziemlich alle Fotos werden retuschiert,
5:34 aber das ist nur ein kleiner Teil des Geschehens.
5:38 Das ist das allererste Foto, das ich gemacht habe,
5:41 und das war auch das allererste Mal, dass ich einen Bikini trug.
5:44 Ich hatte damals noch nicht einmal meine Periode.
5:46 Ich weiß, das wird jetzt ziemlich persönlich, aber
5:48 ich war ein junges Mädchen.
5:49 So sah ich nur ein paar Monate zuvor aus, mit meiner Großmutter.
5:53 Das bin ich am Tag dieses Shootings.
5:56 Meine Freundin musste mich begleiten.
5:57 Das bin ich auf einer Pyjama-Party, ein paar Tage vor einem Shooting für die französische Vogue.
6:01 Das bin ich mit dem Fußball-Team und im V-Magazin.
6:06 Und das bin ich heute.
6:07 Und ich hoffe, Sie sehen,
6:09 dass diese Bilder keine Bilder von mir sind.
6:11 Es sind Konstrukte
6:13 und es sind Konstrukte einer Gruppe von Profis,
6:16 von Hairstylisten und Make-up-Künstlern und Fotografen und Stylisten
6:19 und allen ihren Assistenten und der Vor- und Nachproduktion.
6:21 Sie konstruieren das. Das bin nicht ich.
6:24 Okay, als nächstes fragen die Leute mich immer:
6:26 "Kriegst du Sachen umsonst?"
6:29 Ja, ich habe zu viele 20-cm-Absatzschuhe, die ich niemals tragen kann,
6:32 außer eben,
6:34 aber die Dinge, die ich gratis bekomme,
6:36 sind Dinge, die ich im echten Leben bekomme und darüber reden wir nicht gerne.
6:39 Ich bin in Cambridge aufgewachsen
6:41 und eines Tages ging ich in einen Laden und hatte mein Geld vergessen.
6:43 Und man gab mir das Kleid für umsonst.
6:46 Als Teenager fuhr ich bei meiner Freundin mit,
6:48 eine furchtbare Fahrerin, und sie überfuhr eine rote Ampel und natürlich
6:50 wurden wir angehalten.
6:52 Es brauchte nur ein: "Entschuldigung, Herr Wachtmeister,"
6:54 und schon konnten wir weiterfahren.
6:57 Ich habe diese kostenlosen Dinge wegen meines Aussehens bekommen
7:00 und nicht wegen meiner Persönlichkeit und es gibt Menschen, die wegen ihres Aussehens
7:03 und nicht wegen ihrer Persönlichkeit einen hohen Preis bezahlen.
7:05 Ich lebe in New York und von den
7:07 140 000 Teenagern, die im letzten Jahr angehalten und gefilzt wurden,
7:11 waren 85 Prozent Schwarze und Latinos
7:13 und meistens junge Männer.
7:15 Es leben in New York nur 177 000 junge, männliche Schwarze und Latinos,
7:19 für die sich nicht die Frage stellt: "Werde ich angehalten?"
7:22 Sondern: "Wie oft werde ich angehalten? Wann werde ich angehalten?"
7:25 Bei meiner Recherche für diesen Vortrag
7:26 fand ich heraus, dass 53 Prozent aller 13-jährigen Mädchen in den USA
7:30 ihren Körper nicht mögen.
7:33 Und diese Zahl steigt auf 78 Prozent, wenn sie 17 geworden sind.
7:36 Die letzte Frage an mich lautet:
7:40 "Wie ist es, ein Model zu sein?"
7:41 Und ich glaube, sie erwarten diese Antwort:
7:44 "Wenn du ein bisschen dünner bist und glänzenderes Haar hast,
7:47 dann fühlst du dich sehr glücklich und fabelhaft."
7:49 Und Backstage geben wir eine Antwort,
7:52 die vielleicht diesen Eindruck vermittelt.
7:53 Wir sagen: "Es ist wirklich toll, so viel zu reisen,
7:56 und es ist toll, mit kreativen, inspirierten, leidenschaftlichen Menschen zu arbeiten."
8:00 Alles das ist wahr, aber es ist nur die eine Hälfte der Geschichte,
8:03 denn was wir niemals vor der Kamera sagen,
8:05 was ich niemals vor der Kamera gesagt habe,
8:08 ist: "Ich fühle mich unsicher."
8:10 Und ich fühle mich unsicher, weil ich jeden Tag
8:11 über mein Aussehen nachdenken muss.
8:14 Und falls Sie sich je fragen:
8:18 "Wäre ich glücklicher, wenn ich dünnere Beine und glänzenderes Haar hätte?"
8:22 Dann sollten Sie ein paar Models treffen,
8:24 denn sie haben die dünnsten Beine und das glänzendste Haar und die coolsten Klamotten
8:27 und sie sind die wegen ihres Aussehens vermutlich unsichersten Frauen auf dem Planeten.
8:32 Als ich diesen Vortrag vorbereitet habe, erschien es mir sehr schwierig,
8:34 eine ehrliche Bilanz zu ziehen, denn einerseits
8:37 fühlte ich mich sehr unwohl dabei, mich hier hinzustellen und zu sagen:
8:40 "Ich bekam alle Vorteile aus einem Stapel, der zu meinen Gunsten gemischt wurde."
8:43 Und es fühlt sich auch nicht sehr gut an, dem anzufügen:
8:46 "Und das macht mich nicht immer glücklich."
8:49 Es war vor allem sehr schwierig, ein Erbe von Unterdrückung
8:53 wegen Geschlecht und Rasse offenzulegen,
8:55 wenn ich einer der größten Nutznießer davon bin.
8:58 Ich bin aber auch glücklich und fühle mich geehrt, hier stehen zu dürfen,
9:01 und ich finde es großartig, dass ich es hierher geschafft habe,
9:04 bevor 10 oder 20 oder 30 Jahre vergangen sind und meine Karriere noch ausgefüllter ist,
9:08 denn dann würde ich vermutlich nicht erzählen, wie ich meinen ersten Job bekam,
9:11 oder ich würde vielleicht nicht erzählen, wie ich das College bezahlt habe,
9:14 was derzeit so ungeheuer wichtig ist.
9:17 Wenn Sie aus diesem Vortrag etwas mitnehmen, dann hoffentlich,
9:19 dass wir alle die Macht des Image in
9:22 unseren vermeintlichen Erfolgen und Fehlschlägen
9:26 eher erkennen.
9:28 Danke. (Beifall)